Baubetrieb und Bauwirtschaft

10. Wiener Gespräche Wissenschaft & Bauwirtschaft

Bestbieterkriterien – Nur Pflicht oder auch Kür?

Die Teilnehmer*innen des Podiums.

Am 18.10.2018 wurden die Wiener Gespräche Wissenschaft & Bauwirtschaft, bereits zum zehnten Mal, abgehalten. Die Wiener Gespräche stellen die Fachvortrags- und Fachdiskussionsplattform des Instituts für interdisziplinäres Bauprozessmanagement der Technischen Universität Wien dar.

Zusätzlich wurde in diesem Jahr auch der sechzigste Geburtstag von Univ.Prof. DI Dr. techn. Andreas Kropik im Zuge der Wiener Gespräche gefeiert. Die Laudatio wurde dabei von Herrn DI Günter Steinbauer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wiener Linien GmbH & Co KG, gehalten.

Die Diskussionsveranstaltung zum Thema „Bestbieterkriterien – Nur Pflicht oder auch Kür?“ selbst wurde vom Jubilar Prof. Kropik durch einen Impulsvortrag eröffnet.

Nachdem für eine faire Bestbietervergabe vor allem die Auswahl und Gewichtung der Zuschlagskriterien entscheidend sind, legte Prof. Kropik den Schwerpunkt seines Vortrags auf die Schwierigkeit, die Bestbieterkriterien in ein mathematisches Modell überzuführen.(Vgl. A. Kropik: "Ist der Bestbieter immer der Beste und eine faire Vergabe fair? Teil 1"; Zeitschrift für Vergaberecht und Bauvertragsrecht, 9 (2018), ZVB 2018/91; S. 358 - 372.)

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Für ein transparentes Bewertungssystem müssen die Gewichtung der Kriterien sowie die Bemessung der Zielerfüllung festgelegt werden. Eine möglichst hohe Objektivität ist dabei Voraussetzung für ein faires und transparentes Vergabeverfahren.

In diesem Zusammenhang sind jedoch einige Herausforderungen zu bewältigen. Einerseits ist eine vollkommene Objektivität praktisch nicht erreichbar. So kann die für die Bewertung der Bestbieterkriterien erforderliche Nutzenfunktion zumeist nur subjektiv festgelegt werden. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass sich der Nutzen oft nicht proportional zur Veränderung der Eingangsgröße (Bieterangabe) verhält. In vielen Fällen sollten daher auch andere als lineare Bewertungsfunktionen zur Anwendung kommen. Am Schluss seiner Ausführungen leitete Prof. Kropik mit den in seinem Vortrag aufgeworfenen Fragen in die Podiumsdiskussion über.

  • Welche Erwartungen gibt es an das Bestbieterverfahren?
  • Wann ist ein sinnvoller Einsatz möglich?
  • Welche Erfahrung konnten bis dato mit dem Bestbietersystem gesammelt werden?

In der Folge diskutierten am Podium unter der Leitung von Prof. Kropik RA Mag. Silvia Fessl (Wolf Theiss Rechtsanwälte), Bmstr. DI Gernot Altinger (TZ Baumanagement GmbH), DI Helmut Schweiger (Wiener Linien GmbH & Co KG) sowie DI Dr. Daniel Resch (HABAU GmbH).

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RA Mag. Silvia Fessl eröffnete ihr Eingangsstatement mit der Feststellung, dass für ein faires Vergabeverfahren eine nachhaltige und wirtschaftliche Beschaffung zu angemessenen Preisen anzustreben sei. Vor allem bei Dienstleistungsaufträgen sei dabei das Bestbieterprinzip ein sinnvolles Instrument dies zu gewährleisten. Im Zusammenhang mit Bauleistungen gäbe es jedoch einige Probleme. Demnach seien Qualitätskriterien nicht für Bauleistungen gemacht. Gleichzeitig stellen die derzeit häufig verwendeten Qualitätskriterien wie z.B. Gewährleistungsverlängerung, Bauzeitverkürzung, Beschäftigung bestimmter Personengruppen sowie Umweltaspekte keine sinnvollen Auswahlkriterien dar.

Bmstr. DI Gernot Altinger eröffnete seine Einführung mit der Feststellung, als Planer / Örtliche Bauaufsicht mit Bestbieterkriterien sowohl als Bieter, als Ausschreibungsersteller sowie als Kontrollinstanz konfrontiert zu sein. Sinnvoll sei aus seiner Sicht die Verwendung von Bestbieterkriterien bei Dienstleistungsaufträgen. Nur so könne eine qualitativ hochwertige Planung garantiert werden. Als Örtliche Bauaufsicht sei jedoch die Kalkulation des Aufwandes für die Kontrolle der Einhaltung von Bestbieterkriterien im Zuge der Bauausführung problematisch, da zum Zeitpunkt der Angebotserstellung noch gar nicht bekannt sei, welche der ausgeschriebenen Bestbieterkriterien im Zuge der Bauleistung auch angeboten werden.

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DI Dr. Resch eröffnete sein Einleitungsstatement mit der Beantwortung der aufgeworfenen Frage: „Bestbieterkriterien – Nur Pflicht oder aus Kür?“ Er stellte fest, dass derzeit eindeutig die Pflicht überwiege. Trotzdem böten Bestbieterkriterien jedoch auch die Chance, das vorhanden Knowhow des Unternehmens im Wettbewerb zu nutzen. Derzeit sei jedoch nach wie vor bei Bestbietervergaben der Preis für die Vergabe von Bauleistungen auschlaggebend. Auch der durch die Bestbieterkriterien verursachte Aufwand - sowohl im Angebotsstadium als auch im Ausführungsfall auf der Baustelle - sei nicht zu unterschätzen. Aus diesem Grund solle überlegt werden, Bestbietervergaben von Bauleistungen nur bei komplexen, größeren Bauvorhaben anzuwenden.

DI Helmut Schweiger verwies in seinen Ausführungen auf das Problem, dass einerseits gemäß Bundesvergabegesetz als öffentlicher Auftraggeber die Bestbietervergabe verpflichtend sei, andererseits es jedoch sehr schwierig sei, sinnvolle Kriterien unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit, zu definieren. In diesem Zusammenhang verwies er auch auf die ohnehin sehr hohe Qualität der Bauwerke. So planen und bauen die Wiener Linien ohnehin für eine sehr lange Nutzungsdauer. Diese hohe Qualität zusätzlich durch Qualitätskriterien zu erhöhen, sei nahezu unmöglich.

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Im Zuge der weiteren Diskussion konnte in vielen Punkten eine Einstimmigkeit zwischen den Podiumsteilnehmern erzielt werden. Demnach ist es nicht möglich den hohen Preisdruck und das eventuell daraus resultierende Sozialdumping mit Bestbietervergaben zu bekämpfen. Gleichzeitig ist nach wie vor auch bei Bestbietervergaben der Preis wettbewerbsentscheidend. Als Gründe hierfür wurde die zu geringe Gewichtung der Bestbieterkriterien identifiziert. Einer höheren Gewichtung der Bestbieterkriterien steht jedoch häufig die wirtschaftliche Betrachtung des, aus den Bestbieterkriterien resultierenden Nutzens, entgegen.

Kritisch wurde auch der durch die Bestbieterkriterien verursachte Mehraufwand im Zuge der Ausschreibung, Vergabe und Ausführung angemerkt.

In weiterer Folge erweiterte Prof. Kropik die Diskussion auf das Publikum. DI Sabine Wimmer und DI Günther Steinbauer äußerten sich kritisch zu den Bestbieterkriterien als öffentlicher Auftraggeber, DI Thomas Hirm stellte die Frage in den Raum, wie ein Jungunternehmer bei den verlangten Referenzen zu Aufträgen kommen könne.

Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass Bestbieterkriterien vor allem bei Dienstleistungsaufträgen sinnvoll eingesetzt werden können. Für Bauleistungen mit einem herkömmlichen Einheitspreisvertrag ist die Anwendung von Bestbietervergaben jedoch zu hinterfragen.

Abgeschlossen wurden die zehnten Wiener Gespräche mit einer Geburtstagsfeier für Prof. Kropik im Festsaal der Technischen Universität Wien.

 

Foto-Credits:
Viktor ANNERL und Diyaa ALDOUGHLI